Fanchen hat geschrieben: Donnerstag 1. April 2021, 02:07
Ob man exakt festlegen kann, ab wann etwas struktureller Rassismus ist... naja, da kann man in der Praxis vielleicht keine klare Grenze ziehen. Konsistente Unterrepräsentation von dunkler Hautfarbe in (Fach-)Büchern sollte aber sicherlich darunter fallen, oder nicht? Andernfalls: Was braucht es, damit der Begriff angemessen ist?
Ich bin da für mich selbst noch zu keinem klaren Urteil gekommen. Letztlich habe ich einfach nur Bedenken, dass man das Kind mit dem Bade ausschüttet und sich der Begriff abnutzt, wenn man jede kleinste Ungerechtigkeit als Rassismus anprangert, statt sich auf die ernsteren Problemstellen zu konzentrieren. Ungerecht behandelt werden wir schließlich alle irgendwann mal. Der eine bezieht es auf seine Hautfarbe, der andere auf seine Szenezugehörigkeit, der nächste auf seine zu große Nase, seine Pickel, sein Gewicht,...
Bei der Unterrepräsentation von dunkler Hautfarbe und Fachbüchern finde ich, wenn das in einer recht homogen weißen Gesellschaft verwendet wird, ist das für die vereinzelt vorkommenden Schwarzen ein Problem, aber an sich verständlich. Einfach aufgrund der praktischen Relevanz. Wenn die Gesellschaft bunt gemischt ist und Schwarze häufig vertreten sind, müssen die Lehrbücher entsprechend angepasst werden. Wenn in den USA nur weiße Hautfarbe in den Fachbüchern vorkommt, fällt das für mich unter Rassismus. In Deutschland denke ich, befinden wir uns in einem Übergangsprozess. Schwarze sind hier erst in den letzten Jahrzehnten dazugekommen und die Gruppengröße ist in den letzten Jahren ordentlich gewachsen. Die Lehrbücher müssen also angepasst werden. In dem Zusammenhang finde ich es eigentlich einen guten Prozess, wenn jetzt Schwarze auch in den Universitäten anzutreffen sind und dann jemand feststellt, „Moment, da fehlt doch was“, und das Problem dann angeht. Ich denke, das ist eigentlich normal, dass Betroffene selbst dann diese Unzulänglichkeiten zur Sprache bringen. So wie auch Nicht-Behinderten die fehlende Barrierefreiheit nicht auffällt und entsprechende Interessenvertreter durchsetzen, was alles berücksichtigt werden muss. Als Nicht-Betroffener fällt einem halt vieles nicht auf, aber das ist kein spezifisches Rassismus-Problem, sondern betrifft auch andere Minderheiten und deren Probleme.
Entscheidend für mich ist, wenn man einen Missstand bemerkt, dass man versucht, ihn zu beheben. Zu verurteilen wäre die Ignoranz gegenüber dem Problem.
Wen es interessiert: im DLF gab es in der Sendung „Sein und Streit“ kürzlich auch ein Streitgespräch zum Thema struktureller Rassismus zwischen den Philosophen Philipp Hübl und Daniel James. Hier geht es um eine Definition für diesen Begriff und ob er überhaupt notwendig ist oder nicht eine Folge aus anderen Arten von Rassisimus (bewusster / unbewusster / institutioneller Rassismus) oder manche Probleme nicht eher sozio-ökonomischer Natur sind.
Strukturelle Diskriminierung: Wie Rassismus/Klassismus zusammenhängen (Gespräch)
https://srv.deutschlandradio.de/dlf-aud ... _id=914969
Vorausgegangen war offenbar ein Beitrag von Philipp Hübl:
"Struktureller Rassismus" - Ein irreführender Begriff
https://srv.deutschlandradio.de/dlf-aud ... _id=911444
Auf diesen hatte Daniel James mit folgendem Beitrag geantwortet:
"Struktureller Rassismus" - Verteidigung eines Begriffs
https://srv.deutschlandradio.de/dlf-aud ... _id=913461
„Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“
Victor Klemperer, LTI