Wahrscheinlich liegt der Grundstein irgendwo in meiner Kindheit; viele Jahre, bevor ich überhaupt irgendetwas von den Dingen benennen konnte, die mich anzogen und beschäftigten und berührten. Sicherlich war ich ein klein wenig anders als viele Kinder es damals waren - ich hatte schon immer eine Schwäche für wildromantische Orte, für Stürme und Gewitter. Ich liebte es, mich mit einem Regenschirm nach draußen zu setzen, je stärker der Regen war, desto besser. Ich mochte Wälder und Märchenbücher, alte Mauern und Kirchen, habe schon früh damit angefangen, viele Bücher zu lesen und auch selbst zu schreiben, auf einer alten, klapprigen Schreibmaschine. Meine Beschäftigungen waren also sicherlich etwas anders als die der meisten Kinder, was von meinem Umfeld immer recht irritiert und skeptisch wahrgenommen wurde *lacht* Rückblickend wurde ich also sagen, dass ich wohl mit dem Hang für bestimmte Dinge schlicht und einfach zur Welt gekommen bin.

Und einige dieser Dinge haben irgendwann den Grundstein für das Schwarz-Sein gelegt, denke ich.
Irgendwann in meiner Kindheit kamen auch tatsächliche Berührungen mit Punks und Gruftis. Meine Mutter arbeitete als Schneiderin bei ihrer damaligen Chefin zu Hause im Keller und deren Töchter bekamen ich in der Zeit aufs Auge gedrückt *lacht* - wovon die natürlich eher weniger begeistert waren. Die waren damals beide alternativ unterwegs; eine war Punk und eine Grufti. Sie hatte ihr Zimmer mit schwarzen Müllsäcken tapeziert, überall stand typisches Grufti-Zubehör inklusive Totenschädel und schwarzen Kerzen auf den Tischen. Dort hingen auch immer einige andere Leute ab, auch aus diesen Kreisen, natürlich und ich kann mich noch gut dran erinnern, dass da auch Männer waren, die genau so angezogen waren wie die Grufti-Frauen; mit schwarzem Kajal geschminkt und wüsten Haaren und langen, schwarzen Klamotten. Ich war ganz fasziniert davon, damals; und fand die Leute wunderschön. Nichts von dem, wie die aussahen, hat mich irgendwie irritiert oder verängstigt; obwohl die Chefin meiner Mutter damals mit denen gemeckert hatte, sie sollten mir keine Angst machen. *lacht* Das dürfte 89 oder 90 rum gewesen sein.
Lustigerweise habe ich eine der Töchter von damals vor ein paar Jahren mal gesehen - noch immer in schwarz. *lacht*
Jedenfalls fühlte ich mich schon damals sehr hingezogen zu dieser Optik und auch dem ganzen Drum und Dran; obwohl ich überhaupt nicht einordnen konnte, was das alles bedeutete. Vergessen hab`ichs aber bis heute nicht, also muss das wohl ordentlich Eindruck auf mich gemacht haben damals *lacht*
Als ich ein Teenie wurde, verstärkten sich viele meiner Vorlieben noch mehr. Und auf einmal waren da schnell schwarze Klamotten, ausschließlich. Und erst einmal "nur" ein ganz bestimmtes Gefühl, das ich bis heute nicht wirklich erklären kann. Es war auf einmal da. Ich fing an, mich fürs fotografieren zu interessieren; mochte altes, verfallenes, es zog mich auch immer mehr auf Friedhöfe. Meine Eltern beäugten meine Entwicklung nicht wirklich begeistert; konnten das Ganze aber auch nicht wirklich einordnen. Da war ich etwa 13 Jahre alt, würde ich sagen. Irgendwann gab ich dem "Wunsch" nach, mein Aussehen so zu verändern, wie ich mich gerne sehen wollte - klatschte mir eine Packung schwarze Drogerie-Farbe auf den Kopf, fing an, mich bleicher zu schminken, umrandete die Augen mit schwarzem Kajal. Lustigerweise habe ich die gleiche Erfahrung gemacht wie
@Graphiel - irgendwann schrie auch mir jemand "Scheiß Grufties!" hinterher, obwohl ich gar nicht konkret wusste, was das eigentlich zu bedeuten hatte.
Jedenfalls nahm eben dieses Gefühl, das mich schon so lange begleitete, immer mehr Raum ein. Und "drang" regelrecht nach außen, Stück für Stück. Während einer Klassenfahrt nach Berlin hatte ich auch zum ersten Mal die Möglichkeit, Gruftis sozusagen auf "offener Straße" in größerer Menge sehen zu können; in der niederbayrischen Provinz war das eben nicht die Regel, solche Menschen mal eben einfach so irgendwo zu sehen - da musste man schon etwas genauer schauen und eben auch wissen, wo und zu welcher Zeit; das wusste ich damals schlicht und einfach noch nicht. Und diese Begegnung (auch wenn es genau genommen ja nur eine passive war - die Leute waren sicher alle 8,9 oder 10 Jahre älter als ich) war für mich ein großes "Aha"-Erlebnis. An die Erkenntnis erinnere ich mich bis heute noch - es fiel mir wie Schuppen von den Augen. DAS ist es also.
Ich rasierte mir mit dem Haarschneidegerät von meinem Vater die Seiten hoch und frönte ein paar anderen Dingen, was mein Aussehen anging, immer mehr. Dadurch wurden schnell ein paar Dorfpunks auf mich aufmerksam, die man tatsächlich immer wieder mal herum lungern sah; von Gruftis hingegen sah und hörte man kaum etwas. Ab und an wurde mal von jemandem in diesem oder jenem Kaff erzählt, der " auch SO" wäre. Und die Leute, die auf der Treppe zur Nibelungenhalle in Passau abgingen, beäugte ich unsicher von außen. Die waren einige Jahre älter als ich und dann auch noch aus der Stadt (höhö, für mich damals halt, Passau hat mit einer Stadt im eigentlichen Sinne nicht wirklich was zu tun); die kannten ohnehin mehr Leute und hatten da ihren eingeschworenen Kreis. Da wäre ich zu dem Zeitpunkt damals nie hingegangen - zumal ich auch gar nicht die Möglichkeit gehabt hätte, regelmäßig dort auf zu schlagen. Man hätte mich dort auch schlicht und einfach gar nicht beachtet; ich war fast noch ein Kind. Und genau so hatte ich Gruftis eigentlich immer erlebt - misstrauisch, abgeschottet, für sich. Wenn die nicht genau wussten, obs jemandem ernst ist oder wie der ganz generell so tickte, hatten die gar keinen großen Bock auf neue Leute. So enorm tolerant und aufgeschlossen und "Hier ist jeder Willkommen" habe ich das Ganze nie wirklich wahrgenommen. In Passau gab`s eben besondere Treffpunkte für die Leute, auch einen Club, der schwarze Musik auflegte. Die waren für sich und ich hatte schlicht und einfach nicht die Möglichkeit, dort regelmäßig hin zu kommen. *lacht*
Auf dem Dorf kam aber schnell eines zum anderen - wenn ich draußen irgendwo unterwegs war, beim Weggehen, wurde ich aber doch recht schnell von anderen Schwarzen angesprochen. Da gabs alte Punks, ein paar ebenfalls in die Jahre gekommene Gruftis, ein paar Mischungen aus den beidem. Unkomplizierte, geerdete Leute, die teilweise doppelt so alt waren wie ich. Da war dann weniger diese typische Hochnäsigkeit zu spüren, da lag mehr Punk in der Luft.
Wahrscheinlich hat mich gerade dieses Lebensgefühl bis heute sehr geprägt. Mein Freund sagt noch heute manchmal scherzhaft zu mir, "....weil du ein ALTER PUNK bist.", wenn grad irgendwas treffendes passiert ist *lacht* Kann natürlich eine Rolle spielen, dass Punks und Gruftis hier enger miteinander verstrickt waren als anderswo; schlicht und einfach aus dem Grund heraus, dass es generell eher weniger Leute gab, die irgendwie alternativ in der Richtung unterwegs waren.