Neuro…What?!

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Immersion
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Re: Neuro…What?!

Beitrag von Immersion »

Luna Rabenherz hat geschrieben: Dienstag 20. Januar 2026, 16:22 Und in engeren (romantischen, freundschaftlichen) Beziehungen sind die Störungen eben oft doch störend. Egal wie man sich das schönredet.
Ich kann machen, was ich will - aber ausgerechnet der einzige Part, der bei mir im Sozialen tatsächlich manchmal Probleme bringt, fällt nicht unter "Störung".
... aber trotzdem eindeutig unter Neurodiversität.
Andere Facetten fallen dagegen durchaus in den Bereich der Störungen - allerdings nicht in pathologischer Ausprägung.

Sozial relevant ist nur eine Begleiterscheinung. Oder... sie wäre es, wenn ich sie nicht maskiere. Zwei Mal fallen lassen, daraus gelernt. Lassen.
Vielleicht irgendwann mal wieder, wenn ich überzeugt bin, dass jemand wirklich damit umgehen kann.
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Graphiel
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Re: Neuro…What?!

Beitrag von Graphiel »

Immersion hat geschrieben: Montag 19. Januar 2026, 09:34 Wie geht ihr eigentlich mit Neurodiversität um?
Mit der eigenen? Mit der der anderen?
Ich gehe damit nicht einfach nur um, ich arbeite sogar im Rahmen der Inklusion im Schulbetrieb damit: Nicht in allen Bereichen, denn mein Arbeitgeber hat sich auf das autistische Spektrum spezialisiert und zusätzlich noch ADHS mit im Betreuungsangebot.
Immersion hat geschrieben: Montag 19. Januar 2026, 09:34 Erkennt ihr Neurodivergenz - oder eher: welche Formen traut ihr Euch zu, selbst zu erkennen? Muss man Euch darauf hinweisen?
Davon rate ich sowohl aus beruflicher Erfahrung als auch aus persönlicher ab. Ja, auch mir passiert es ab und zu, dass ich mir denke "Hm.. Person XY könnte auch in das Spektrum passen.", aber letzten Endes würde ich da auf gar keinen Fall irgendwelche Wetten abschließen. Ich kann hier jetzt wirklich nur für das Spektrum Autismus sprechen, aber die Faustregel "Kennst du einen Autisten, dann kennst du EINEN Autisten." hat seine absolute Berechtigung. Zwar könnte man alle mit gründlicher Untersuchung ihrer Gehirne, bzw. bestimmten Arealen wie dem limbischen System dem Autismus Spektrum zuordnen, aber wie sich die Veränderungen im Detail auswirken kann dabei sehr von einander abweichen, sodass es für mich jedes mal aufs Neue ultraspannend ist heraus zu finden wie die Welt meines aktuellen Klienten im Detail aufgebaut ist.

Mein erster Klient hatte beispielsweise das Masking nahezu perfektioniert und ist damit durch mehrere der üblichen Tests für Autisten "durchgefallen", ehe er überhaupt mal seine Diagnose bekam. Er hatte sich von klein auf autodidaktisch beigebracht wie menschliche Gesichtszüge in etwa beschaffen sein müssen damit eine jeweilige Emotion zum Ausdruck gebracht wird. In den üblichen Tests, bei denen Autisten Emotionen anhand von Fotos einordnen sollen hat er dann einfach kombiniert und die korrekte Antwort gegeben. Z.B.: Mundwinkel der gezeigten Person steht leicht schräg + Pupillen sind etwas geweitet = Person verspürt vermutlich Ekel. Die autistischen Züge wurden bei ihm immer nur in Situationen sichtbar, die sich nicht so leicht berechnen ließen oder für ihn vollkommen neu waren.

Mein jetziger Klient ist da das genaue Gegenteil. Vom Maskieren hält der genau gar nichts, was im Grunde natürlich auch ok wäre solange er niemanden (inklusive sich selbst) gefährdet. Leider hält er aber auch genauso wenig davon sich für bestimmte Situationen andere Strategien als die bisherigen anzutrainieren. Es hat z.B. gefühlt Ewigkeiten gebraucht bis er nicht mehr bei jedem geringfügigen Ärger gleich mit Tischen und Stühlen nach der Person geworfen hat die er in seiner Wahrnehmung als die schuldige identifizierte. In seiner Welt ist physische Gewalt grundsätzlich ein vollkommen legitimes Mittel zur Lösung jedweden Konfliktes. Natürlich nur wenn andere das Ziel der Gewalt waren. Zum Glück hat sich das inzwischen erheblich gebessert und er hat eingesehen dass man sich damit erheblich mehr verbaut als an Problemen löst. Nun kann ich mit ihm auch an anderen Baustellen arbeiten. Zum Beispiel an der Einsicht, dass in Gruppenarbeitsphasen langfristig eben niemand mehr mit einem arbeiten will, wenn man immer nur die anderen malochen lässt und sich selbst lieber seinen privaten Hobbys widmet.
Immersion hat geschrieben: Montag 19. Januar 2026, 09:34 Habt ihr eine Vorstellung davon, was sie wirklich mit sich bringen kann? Die Frage ist etwas unfair - es ist schon schwer genug, zu akzeptieren, dass etwas überhaupt fundamental anders ist. Wie genau, ist weit schwerer - und mit Hinblick auf die vielfältigen Formen … nahezu aussichtslos.
Ja, habe ich. Es kann für den Betreffenden eine unglaubliche Kraftanstrengung sein in einer Welt zurecht kommen zu müssen, die oft nach völlig anderen, teils unausgesprochenen Regeln funktioniert. Besonders wenn sie in der Wahrnehmung des Betroffenen keinen logischen Sinn ergeben und man selbst als Nicht-Betroffener nur ratlos mit den Schultern zucken kann. Denn nicht jede Regel die wir in unsere Gesellschaft eingebaut haben hat einen nachvollziehbaren Hintergrund. Manche scheinen nur zu existieren weil sich bislang niemand die Mühe gemacht hat sie zu hinterfragen :lol:
Immersion hat geschrieben: Montag 19. Januar 2026, 09:34 Ist Euch bewusst, dass mit diesen Abweichungen - von der Norm oder von Euch selbst - auch Einschränkungen einhergehen? Oder manchmal auch Fähigkeiten, die einem selbst nur abstrakt erscheinen können?
Erwartet ihr, dass sie das abschalten, damit ihr besser mit ihnen zurecht kommt?
Siehe eine Antwort zuvor. Du glaubst gar nicht wie oft ich am liebsten einfach nur in die Tischplatte beißen möchte. Anlass dazu gibt es SEHR oft. Manchmal ist es der Klient selbst, erheblich häufiger aber Lehrer und Schulleiter, oft aber auch Eltern mit völlig überzogenen Erwartungshaltungen.
Immersion hat geschrieben: Montag 19. Januar 2026, 09:34 Aber wie unterscheidet ihr „anders“ von „Arschloch“ - und wie reagiert ihr, wenn ihr erfahrt, dass ihr euch in der Kategorie vertan habt?
Das ist verflucht schwer und manchmal kann man es auch gar nicht voneinander trennen. Denn auch die Andersartigkeit KANN unter Umständen in direktes Arschlochverhalten münden. Hier empfehle ich klar die Handlung von der Ursache, also dem Impuls / der Wahrnehmung zu trennen, denn auch ein Betroffener steht in einer gewissen Mitverantwortung gegenüber seinen Mitmenschen. Am einfachsten lässt sich das meiner Meinung nach am Beispiel Frust/Gewalt zeigen. Das ein Autist wie mein aktueller Klient schnell frustriert ist und sich ärgert sollte man ihm natürlich nicht zum Vorwurf machen. Dafür kann er aufgrund seiner Andersartigkeit nichts. Gleichzeitig gibt es ihm aber nicht den Freifahrtschein seinen Frust in physische Gewalt gegenüber seinen Mitmenschen auszuleben.
"Sowas kann doch nur Leuten einfallen, die in Assoziationsspielchen neben Hund, Katze und Maus auf "Hmm.... Schwingschleifer!" kommen, oder?" - Barlow
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Immersion
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Re: Neuro…What?!

Beitrag von Immersion »

@Graphiel
Danke, das ist auf einen kleinen Teilbereich eine professionelle Perspektive. Auch spannend - aber nicht das, was gefragt ist. Hier geht es explizit um organische Erfahrungen.
Dein Beitrag ist fokussiert auf eine bestimmte Erscheinungsform - und dort mit extremen Auswirkungen in einem beruflichen, explizit darauf ausgerichteten Feld, in dem Du geschult und mit der jeweiligen Situation vertraut bist. Man könnte sagen: unter Laborbedingungen.
Alltagssituationen sind es hingegen nicht - interessant wäre gerade da nun, wie Du das auf andere Situationen außerhalb dieses Rahmens überträgst. Auf andere Erscheinungsformen.
Dazu muss man nicht selbst einen Hauptgewinn gezogen haben.
Es ist ja nun beileibe nicht so, dass man es da zwangsläufig mit fliegenden Stühlen (ja, habe ich selbst auch schon erlebt) zu tun hat. Gerade im Erwachsenenalter ist die ND in der gesamten Bandbreite eher unsichtbar und äußert sich nur subtil und indirekt. Wahrnehmungsunterschiede, Hochfunktionalität, andere Verarbeitung, Unterfunktion… wenn es sich zeigt, schlägt es sich in Kommunikationsreibung nieder.
Wie sieht es bei nicht pathologischen Ausprägungen aus? Dann, wenn man ein handelsübliches Arschloch zu erkennen glaubt - und dann feststellt (oder auch nicht), dass sich die Rollen da gerade vertauschen.
Manchmal ist es eben beim Gegenüber schlicht Frustration darüber, dass man selbst ihn einfach nicht versteht.

Wie steht es damit, dann ohne zu Pathologisierung zu versuchen zu verstehen, (Metapher) dass der andere Farben anders wahrnimmt, bestimmte Farben nicht wahrnimmt - oder sehr viel mehr sieht, als man selbst?

Trotz der Verschiebung bietet sich hier aber auch eine Chance. Die Frage danach, wie Du das Professionalitätsparadoxon und das daraus entstehende Dilemma vermeidest?

Für dieses Thema ist ein Miteinander zentral. Sobald wir in ein Übereinander rutschen, also Diskurs- und Deutungshoheit, geht die Ebene, um die es geht, verloren.
Archy
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Re: Neuro…What?!

Beitrag von Archy »

Luna Rabenherz hat geschrieben: Dienstag 20. Januar 2026, 15:21 @Archy ich meinte:
War das "Anders sein" nicht schon immer "in" in der Schwarzen Szene? Also nicht nur akzeptieren, aber auch gewissermaßen hervorheben der eigenen Individualität, alle möglichen "Abweichungen von der Norm" inklusive?

Und ist es denn nicht gut, dass viele Menschen, die woanders anecken und keinen Anschluss finden, sich in der Szene geborgen und akzeptiert fühlen, sich frei zeigen und zu eigener Natur stehen können? Ich fände das nicht befremdlich...

Ich weiß nicht wie ich dir meine Worte noch rüber bringen soll. Dein "anders sein" im Sinne von Neurodivers ist ein anderes "anders sein" als was man in der Szene einst meinte. Sicher ging es um Abweichung von der Norm. Das war aber nicht auf die Psyche oder Neurodiversität bezogen. Vor 30 Jahren haben die Leute bei weiten nicht mit so vielen Schubladen um sich geschmissen wie heute. Leute waren einfach anders und gut. Da wurde nicht alles und jeder gelabelt.

Warum ausgerechnet in der Szene inzwischen soviel Wind um Diversität gemacht wird...keine Ahnung. Es betrifft ja nicht nur Neurodiversität sondern auch Diversität wenn es um Gender und dergleichen geht.
Ich mein klar, in der Szene können die Leute einfach "sein"...

Und ich störe mich nach wie vor ab dem Wort "in". In der Szene ging es nie ums "in" sein.

Hinzugefügt nach 20 Minuten 18 Sekunden:
Black Alice hat geschrieben: Dienstag 20. Januar 2026, 15:03 Neurodivers? Also, ich halte mich für normal, auch wenn ich nicht weiß ob ich irgend was neurodiverses an mich habe, weil irgend eine Schlagseite hat doch jeder irgendwie, irgendwo. Ansonsten gehe ich damit locker um. Jeder Jeck ist anders und ich nehme Menschen so wie sie sind. Es gibt welche mit denen ist schwer auszukommen, gerade bei bipolaren Störungen, aber ansonsten geht schon. Wäre auch langweilig wenn jeder gleich wäre, somit weiß ich oft nicht welche Störung einer hat, weil ich das eher als Individualismus sehe.
Ich knüpfe einfach Mal an Alice ihre Aussage an, weil die für mich am treffensten ist.

Mir ist es relativ egal ob ein Mensch Neurodivers ist oder nicht. Was für mich zählt ist, komme ich mit meinem Gegenüber klar.

Vor kurzen habe ich einen Film gesehen, der auf einer wahren Begebenheiten beruht. Da ist ein Junge, Neurodivers. Ich könnte gleich gar nicht sagen ob er ADHS hat oder Autist ist. Zumindest entwickelte er den Gedanken seinen Lieblingsfußballverein zu finden. Ab da fuhr er mit seinem Vater an den Wochenenden quer durch Deutschland zum Fußball. Er beschrieb sein Innenleben damit, dass in seinem Kopf Krieg herrscht. Stell ich mir nicht einfach und schön vor. Auf der anderen Seite gab es Momente, wo ich persönlich explodiert wäre. Zum Beispiel wenn ein riesen Aufstand gemacht wird, weil die Nudeln die Soße berühren oder die Oma an der Bushaltestelle auf dem Platz sitzt, den man gewohnt ist. Es zeigt halt auch, dass man sich diesem Menschen und seiner Welt anpassen muss. Zumindest war das meine Wahrnehmung. Wird bestimmt nicht bei jedem so sein, aber ich stelle es mir anstrengend vor, wenn man sich damit auseinander setzen muss.
Ich muss auch ehrlich sagen, Graphiels Beruf wöllte ich nicht machen. Die ein oder andere Story hat man da ja schon gehört. Mir tät da die innere Ruhe fehlen. Ich würde die Krise kriegen.