Neuro…What?!

Religionen, Wissenschaften, Theorien etc.
Benutzeravatar
Immersion
Bestätigtes Mitglied
Beiträge: 116
Registriert: Donnerstag 18. Dezember 2025, 16:40
Wohnort: Rheinland
Gender:
Alter: 48

Neuro…What?!

Beitrag von Immersion »

Wie geht ihr eigentlich mit Neurodiversität um?
Mit der eigenen? Mit der der anderen?
(Ohne nun konkret danach zu fragen, welche ihr vielleicht selbst habt. EINE Form ist hier beinahe schon das Ideal 😉… der Satz hat eine gewollte Doppelbedeutung )
Erkennt ihr Neurodivergenz - oder eher: welche Formen traut ihr Euch zu, selbst zu erkennen? Muss man Euch darauf hinweisen?
Habt ihr eine Vorstellung davon, was sie wirklich mit sich bringen kann? Die Frage ist etwas unfair - es ist schon schwer genug, zu akzeptieren, dass etwas überhaupt fundamental anders ist. Wie genau, ist weit schwerer - und mit Hinblick auf die vielfältigen Formen … nahezu aussichtslos.

Ist Euch bewusst, dass mit diesen Abweichungen - von der Norm oder von Euch selbst - auch Einschränkungen einhergehen? Oder manchmal auch Fähigkeiten, die einem selbst nur abstrakt erscheinen können?
Erwartet ihr, dass sie das abschalten, damit ihr besser mit ihnen zurecht kommt?

Aber wie unterscheidet ihr „anders“ von „Arschloch“ - und wie reagiert ihr, wenn ihr erfahrt, dass ihr euch in der Kategorie vertan habt?


—-
Anhang:

Als Anhaltspunkte Formen von Neurodivergenz - unvollständig
1. ADHS / ADS (I; K; W)
2. Aphantasie (W)
3. Autismus-Spektrum (W; Sn; So)
4. Bipolare Störungen (E)
5. Dyskalkulie (K; W)
6. Dyslexie (K; W)
7. Dyspraxie (M; W)
8. Hochbegabung (K; W)
9. Hochsensibilität (Sn; E)
10. Intellektuelle Beeinträchtigung / Minderbegabung (K; W)
11. Posttraumatische Neurodiv. (E; W)
12. Schizotype Wahrnehmungs- und Denkweisen (W)
13. Synästhesie (W; Sn)
14. Tourette(I; M)
15. Zwangsstörungen (I; E; W)

Abkürzungen:
* K = kognitiv
* Sn = sensorisch
* M = motorisch
* E = emotional‑affektiv
* W = Wahrnehmung / Informationsverarbeitung
* I = Impulskontrolle / Regulation
* So = soziale Interaktion / soziale Kognition
Benutzeravatar
Luna Rabenherz
Bestätigtes Mitglied
Beiträge: 217
Registriert: Donnerstag 28. September 2023, 19:22
Wohnort: Lübeck
Beziehungsstatus: Single
Gender:
Alter: 36

Re: Neuro…What?!

Beitrag von Luna Rabenherz »

Oh, Du hast das Thema doch erstellt, wunderbar! :) Eigentlich hatte ich es mir auch überlegt, aber dann gezweifelt...
Wenn aber es das schon gibt, dann los.

Also ich persönlich mag dieses Konzept der Neurodivergenz sehr gerne. Es gibt Menschen, die eben anders sind als die Mehrheit oder die sogenannte "Norm". Und wenn man das im Hinterkopf behält, kann man sein alltägliches Leben in der Gesellschaft viel einfacher machen, auch als "neurologisch typische" Person. Man muss nicht jedem "komischen" Gesichtsausdruck, Tonfall, Wortwahl, Verhalten auf den Grund gehen und nach einer für die eigene Variante stimmigen Erklärung suchen. "Manche Menschen sind halt anders", und ok. Vielleicht ist die Nachbarin nicht sauer auf mich, unehrlich oder unfreundlich, sie hat eben diesen Gesichtsausdruck von Natur aus. Etc.

Ich persönlich glaube, zu dem ND-Teil der Menschheit zu gehören, jedoch genauer mich da zu verorten gelingt es mir leider nicht. Habe bestimmt viele autistische Züge und Merkmale, kann aber Menschen ziemlich gut "lesen" und auch mit Veränderungen und Routinen ist es bei mir nicht so eindeutig. Vielleicht könnte ich mich irgendwo auf dem AuDHS-Spektrum befinden (wenn man gleichzeitig AD(H)S-Merkmale hat). Viellecht noch etwas dazu. Aber jedenfalls ohne Krankheitswert, da ich ohne Unterstützung mein Leben ganz zufriedenstellend meistern kann.
Wäre natürlich sehr interessant, eine professionelle Einschätzung (bzw Diagnose) zu bekommen, aber ich möchte aus reiner Neugier keinen Therapieplatz denjenigen wegnehmen, die den wirklich brauchen und darauf eh schon ewig warten müssen. Ich möchte nicht "zurechtterapiert" werden. Zumindest nicht mehr.

Der ganze "Schizotype" Bereich ist ein ganz besonderes Thema. Ich habe so ein bisschen das Gefühl, dass diese Kategorie, wenn man sie als pathologisch betrachten möchte, extra dafür erstellt wurde, um bei Bedarf "komische", besondere und auch spirituelle Menschen aus der Gesellschaft wegzusperren.
Ich habe Tests zum Thema gemacht und "bestanden". :) Weil ich eben das Leben als ein System betrachte, mit dem Universum kommuniziere und von ihm Zeichen erhalte in alltäglichen Dingen. Weil ich Erfahrungen in Magie und "übernatürlichen" (bzw gerade natürlichen, da zur echten Natur der Dinge gehörigen) Erlebnissen habe. (Der Haken ist nur, meine Erfahrungen werden in der "Realität" bestätigt, ich arbeite damit, so zu sagen, navigiere damit erfolgreich im Leben, sogar erfolgreicher als manch Anderer ;) )

Ich würde behaupten, alle Menschen, die mir im Leben wirklich nah waren, gehörten zum ND-Spektrum. Waren in diesem oder jenem Punkt "anders". Sonst war mir irgendwie langweilig und der anderen Person "zu bunt" 😅 daher weiß ich nur ganz oberflächlich und undeutlich, wie die "Normalen" ticken :)
🕸𝕰𝖘 𝖌𝖎𝖇𝖙 𝖐𝖊𝖎𝖓𝖊 𝕾𝖈𝖍𝖆𝖙𝖙𝖊𝖓 𝖎𝖓 𝖊𝖎𝖓𝖊𝖗 𝖂𝖊𝖑𝖙 𝖔𝖍𝖓𝖊 𝕷𝖎𝖈𝖍𝖙. (𝖈) 𝕾𝖙𝖎𝖑𝖑𝖘𝖙𝖊 𝕾𝖙𝖚𝖓𝖉🕸
Benutzeravatar
Immersion
Bestätigtes Mitglied
Beiträge: 116
Registriert: Donnerstag 18. Dezember 2025, 16:40
Wohnort: Rheinland
Gender:
Alter: 48

Re: Neuro…What?!

Beitrag von Immersion »

Manche Bereiche sind mir völlig fremd - wobei ich mich mit manchen bislang auch überhaupt nicht beschäftigt habe.
Den Gedanken mit den Spektren und den Zügen halte ich sogar für einen sehr zentralen - denn das gilt für etliche der Kategorien.
Diagnosen sind noch so ein Thema…
Die werden überhaupt erst dann erstellt, wenn ein erheblicher Leidensdruck kommuniziert oder beobachtet wird. Gerade dann, wenn es in pathologische Ausprägungen einer Kategorie geht. Es ist ja wenigstens in manchen ein Gradient.
Es macht auch einen gigantischen Unterschied, ob etwas behandelbar ist - oder als Problem gesellschaftlich anerkannt. Für manche kommt das erst ganz langsam, andere sind im Bewusstsein schon so omnipräsent, dass ich fast schon sagen würde, dass die Eigenschaft selbst nicht einmal mehr wirklich divergent ist, sondern sie es nur in besonderen Ausprägungen wird.

Darunter fällt ziemlich deutlich ADS/ADHS (deren alleinige Erwähnung schon reicht, die Gesichter von Lehrern und Kinderärzten auf „genervt“ zu schalten… Ich vermeide das da - schon seit ich es kenne - grundsätzlich). Da ist die Frage weniger „liege ich in diesem Spektrum“ - sondern „wie ausgeprägt ist es bei mir“.
Etwas zynisch: die völlige Abwesenheit von ADS-typischen Zügen erscheint mir so selten, dass das schon definitionsgemäß nicht mehr „neurotypisch“ wäre. Das ist nicht despektierlich gemeint - ich liege da selbst weit vom Nullpunkt entfernt, kann das aber so weit kompensieren, dass ich auch keine Diagnose brauche. Das fällt in den Bereich der „Selbstdiagnose“ - nur sage ich eben nicht „Ich habe das“ - sondern spreche mit Leuten, die mir erzählen, wie sie selbst ticken, manche davon mit Diagnose. Es reicht, um zu sagen: „so definitiv nicht.“ Oder „das kenne ich doch…“
Womit es dann schon eher eine Ausprägungsfrage wie Intelligenz wäre. Da ist ein mittlerer Bereich neurotypisch - und was dieser Umstand tatsächlich bedeutet, ist kaum jemanden bewusst.
Da steckt einiges an Zündstoff drin, weil es sehr eng mit dem Verständnis von „normal“ verknüpft ist und drei unterschiedliche Bedeutungen aufeinander überträgt und vermischt - und daraus den sicheren Konflikt erzeugt.
* Jeder ist sein eigener Referenzrahmen. Ich bin normal.
* Normal ist, was die Gruppe verbindet und ihr gemein ist.
* Normal ist normativ und erstrebenswert - „nicht normal“ bedeutet „minderwertig“
Die Paradoxie darin dürfte bereits ersichtlich sein.

Meinen persönlichen Drall kann ich da einfach nicht verleugnen - ich durfte mindestens 3x zugreifen 😉

Die spirituellen und metaphysischen Gedanken ignoriere ich nicht - ich hebe es mir für später mal auf. Und nein, das wische ich auch dann nicht weg.
Benutzeravatar
Evanahhan
Bestätigtes Mitglied
Beiträge: 771
Registriert: Donnerstag 24. Mai 2018, 07:09
Wohnort: Dresden
Gender:
Alter: 43

Re: Neuro…What?!

Beitrag von Evanahhan »

Luna Rabenherz hat geschrieben: Montag 19. Januar 2026, 10:57 Man muss nicht jedem "komischen" Gesichtsausdruck, Tonfall, Wortwahl, Verhalten auf den Grund gehen und nach einer für die eigene Variante stimmigen Erklärung suchen. "Manche Menschen sind halt anders", und ok. Vielleicht ist die Nachbarin nicht sauer auf mich, unehrlich oder unfreundlich, sie hat eben diesen Gesichtsausdruck von Natur aus.
Eigentlich ist damit alles gesagt. Jeder sollte verstehen und akzeptieren, dass Menschen eben verschieden sind, und nicht erwarten, dass jeder in „Schema F“ passt.
Ich tue mich ehrlich gesagt schwer mit dieser binären Aufteilung in neurotypisch und neurodivers, denn ich denke, dass die Übergänge fließend und die Ausprägungen so vielfältig sind, wie Menschen eben sind.

Sicherlich ist es spannend zu ergründen, wie das Gehirn funktioniert, und natürlich sollten auch echte Fehlfunktionen (wie z. B. Schizophrenie) möglichst gut behandelt werden können.
Wenn aber selbst Synästhesie schon unter „neurodivers“ fällt, erschließt sich mir der Sinn dieser Unterteilung nicht mehr. Ja, meine Zahlen und Buchstaben haben Farben, was mir z. B. dabei hilft, Telefonnummern besser zu merken als andere ohne diese Assoziationen. Ja und?

Die Gehirne von Menschen funktionieren eben unterschiedlich, deswegen sind die einen mathematisch begabt, andere sprachlich, mancher ist ein guter Handwerker, der andere ein verkopfter Theoretiker. Brauchen wir da eine Unterteilung?

Etwas anderes ist es, wenn eine Andersartigkeit so gravierend ist, dass sie tatsächlich Probleme verursacht. Da ist es gut, wenn man die Mechanismen versteht und durch Verhalten und/oder Medikamente Alltagstauglichkeit herstellen kann.
Ansonsten finde ich es übertrieben, jede kleine Abweichung zu pathologisieren oder gar zur eigenen Identitätsbildung heranzuziehen.
„Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“
Victor Klemperer, LTI
Benutzeravatar
Immersion
Bestätigtes Mitglied
Beiträge: 116
Registriert: Donnerstag 18. Dezember 2025, 16:40
Wohnort: Rheinland
Gender:
Alter: 48

Re: Neuro…What?!

Beitrag von Immersion »

Evanahhan hat geschrieben: Montag 19. Januar 2026, 13:58 Eigentlich ist damit alles gesagt. Jeder sollte verstehen und akzeptieren, dass Menschen eben verschieden sind, und nicht erwarten, dass jeder in „Schema F“ passt.
Als Ideal auf dem Papier sicher nett. Aber trotzdem wird erwartet, dass der andere sich an die eigene Erlebenswelt anpasst. Wenn es dann mal nicht ins Schema F passt, wird es nicht durch eine andere Perspektive, sondern eine gewählte Haltung erklärt. Natürlich dann, wenn der andere nicht passt.
Wenn aber selbst Synästhesie schon unter „neurodivers“ fällt, erschließt sich mir der Sinn dieser Unterteilung nicht mehr. Ja, meine Zahlen und Buchstaben haben Farben, was mir z. B. dabei hilft, Telefonnummern besser zu merken als andere ohne diese Assoziationen. Ja und?
Ich finde gerade das hochspannend. Wie war denn da der Wechsel bei der Erkenntnis, dass andere die Welt da anders erleben und in anderen Begriffen denken?
Die Gehirne von Menschen funktionieren eben unterschiedlich, deswegen sind die einen mathematisch begabt, andere sprachlich, mancher ist ein guter Handwerker, der andere ein verkopfter Theoretiker. Brauchen wir da eine Unterteilung?
Zumindest insofern, dass man sich dieser Unterschiede bewusst sein sollte und etwas, was man selbst nicht begreift, nicht einfach durch etwas erklärt, was man verstehen kann oder verstehen möchte.
Und besonders kein Masking erwartet.
Stell Dir mal vor, jemand würde von Dir erwarten, dass Du Dir Deine Wahrnehmung abtrainierest oder abschaltest - und ihm dann erklärst, wie man sich Zahlen ohne dieses Extra merken kann.
Ansonsten finde ich es übertrieben, jede kleine Abweichung zu pathologisieren oder gar zur eigenen Identitätsbildung heranzuziehen.
Um Pathologisierung geht es ja nun gerade nicht. Ganz im Gegenteil. Zumindest… sollte das so sein. Pathologisierung ist lange nicht für jede Form angebracht oder sinnvoll - und selbst bei denen auch nicht unbedingt in jeder Ausprägung.
Aber was die Identitätsbildung angeht… gut, ok, Du beziehst Dich auf Kleinstabweichungen. Allerdings ist auch „Neurotypisch“ ein Spektrum mit Toleranzen und geht als Gradient in verschiedene Richtung in die Neurodiversität über.
Identitätsbildung sind diese Faktoren aus meiner Warte aber durchaus. Wenngleich nicht bereits auf einer Mikroebene
Ich liebe Spinnennetzdiagramme :lol:
Benutzeravatar
Evanahhan
Bestätigtes Mitglied
Beiträge: 771
Registriert: Donnerstag 24. Mai 2018, 07:09
Wohnort: Dresden
Gender:
Alter: 43

Re: Neuro…What?!

Beitrag von Evanahhan »

Immersion hat geschrieben: Montag 19. Januar 2026, 14:45 Wie war denn da der Wechsel bei der Erkenntnis, dass andere die Welt da anders erleben und in anderen Begriffen denken?
Das war gar nicht besonders spektakulär. Irgendwann vor ewigen Zeiten las ich mal einen Artikel über Synästhesie, wo das als was totaaaal Seltenes dargestellt wurde. Daran hatte ich so meine Zweifel und infolgedessen in meinem Umfeld rumgefragt. Ergebnis war, das so ungefähr die Hälfte meiner Befragten ebenfalls bestätigten, dass ihre Zahlen und Buchstaben Farben hätten (und man fing an sich zu necken „A ist Blau“ - „so ein Quatsch, A ist doch rot!“ :P ) und die andere Hälfte war überrascht, dass es sowas gibt. Und eine Freundin hat sogar eine viel ausgeprägtere Synästhesie offenbart, bei der sie z. B. auch Wörter in rund und eckig einteilen konnte und noch viel mehr.
Ich fand das einfach interessant, aber große Konsequenzen hatte das nun nicht.
Allerdings ist auch „Neurotypisch“ ein Spektrum mit Toleranzen und geht als Gradient in verschiedene Richtung in die Neurodiversität über.
Eben. Und die Grenze zwischen neurotypisch und neurodivers ist in meinen Augen eine sehr willkürliche, da es eben die ganze Bandbreite gibt. Immer wieder darauf hinzuweisen, dass Menschen eben unterschiedlich sind und man nicht von sich auf andere schließen kann, dass es tatsächliche biologische Unterschiede gibt, finde ich sinnvoller als diese Aufteilung in zwei Pole und daraus dann ein „Wir“ und „Die anderen“ zu kreieren, wo man sich dann durch seine Gruppenzugehörigkeit definiert und der ein oder andere sich gar für was Besseres hält.
„Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“
Victor Klemperer, LTI
Benutzeravatar
Immersion
Bestätigtes Mitglied
Beiträge: 116
Registriert: Donnerstag 18. Dezember 2025, 16:40
Wohnort: Rheinland
Gender:
Alter: 48

Re: Neuro…What?!

Beitrag von Immersion »

Evanahhan hat geschrieben: Montag 19. Januar 2026, 15:27 Ich fand das einfach interessant, aber große Konsequenzen hatte das nun nicht.
Mist :lol: das hätte als Geschichte wirklich Potenzial gehabt.
Eben. Und die Grenze zwischen neurotypisch und neurodivers ist in meinen Augen eine sehr willkürliche, da es eben die ganze Bandbreite gibt.
Ich glaube nicht, dass sich so eine Grenze überhaupt festlegen lässt - nicht im Großen, erst recht nicht im Kleinen. Nimm eine beliebige Dimension - und wenn da zwei auf einem beliebigen Abschnitt derselben Skala direkt nebeneinander stehen, erklären die jeden mit Recht für bescheuert, der erklärt, der eine sei noch typisch, der andere nicht mehr.
Nimm dann zwei, die weit auseinander liegen… dann kannst Du schon noch sagen, dass der eine vielleicht noch im neurotypischen Abschnitt liegt, der andere jedoch nicht.
Immer wieder darauf hinzuweisen, dass Menschen eben unterschiedlich sind und man nicht von sich auf andere schließen kann, dass es tatsächliche biologische Unterschiede gibt, finde ich sinnvoller als diese Aufteilung in zwei Pole und daraus dann ein „Wir“ und „Die anderen“ zu kreieren, wo man sich dann durch seine Gruppenzugehörigkeit definiert und der ein oder andere sich gar für was Besseres hält.
Oha, ich wittere Benzin…
Die Schlüsselwörter sind die richtigen - aber in so einer Situation wendet sie dann jeder auf den jeweils anderen an.

Stell Dir vor, Du (A) bist in einem Korridor und siehst am Ende eine Abzweigung. Nach links und nach rechts. Du siehst nirgendwo Hinweise darauf, welcher Weg wo hin führt. Der neben Dir (B) sagt Dir:
B: geh nach links.
A: Warum?
B: Das hier ist ein Labyrinth und ich sehe es von oben.
A: Das kannst Du überhaupt nicht!

Ist mehr "von oben herab" denkbar?
Es gibt da nur ein kleines Dilemma:
Wer von beiden agiert dabei überhaupt von oben herab? Bei wem ist es Perspektive- und bei wem Haltung?

Ich garantiere Dir, dass A in jedem Fall fest davon überzeugt ist, dass B nicht nur aus einer anderen Perspektive, sondern auch einer anderen Haltung heraus agiert. Paradox wird es dadurch, dass A sich allein durch diese Prämisse selbst für etwas besseres hält.
Es kehrt sich um - und plötzlich ist A das, was er eigentlich in B zu sehen glaubt.

Ich gehe davon aus, dass Du mir gegenüber aufgrund Deiner Disposition im Bereich der kristallinen Intelligenz deutlich voraus sein könntest - allerdings ist das etwas, was sich im Alltag in der sozialen Interaktion nicht so gravierend wie andere Faktoren auswirkt.
Benutzeravatar
Evanahhan
Bestätigtes Mitglied
Beiträge: 771
Registriert: Donnerstag 24. Mai 2018, 07:09
Wohnort: Dresden
Gender:
Alter: 43

Re: Neuro…What?!

Beitrag von Evanahhan »

Fühlst du dich angesprochen?
Es ist einfach meine Erfahrung aus dem Lesen von Beiträgen in den (a)sozialen Medien von Leuten, die gewisse Wörter gerne ausgiebig verwenden. Und auch ganz allgemein die Beobachtung eines typischen Musters: Person A wird aufgrund eines Merkmals abgewertet -> A leidet ggf. darunter -> A kehrt das ganze um und macht sich das Merkmal zur identitätsprägenden Eigenschaft -> A teilt ein in Menschen mit dem Merkmal und Menschen ohne dieses Merkmal -> A wertet Menschen ohne das Merkmal ab.
Das Merkmal kann verschieden sein. Zum Beispiel Muslime, die hier aufgrund des Glaubens abgewertet werden und sich dann zu radikalen Islamisten entwickeln. Ossis, die aufgrund ihrer Herkunft Ablehnung erfahren haben und nun ganz besonders stolz auf diese Herkunft sind und sich Wessis überlegen fühlen. Und ebenso liest man Leute ihre Neurodiversität wie eine Auszeichnung vor sich her tragen. Das ist freilich kein Automatismus und entwickelt sich nur bei einem geringen Teil der Betroffenen. Aber es ist (zumindest online) ein häufiges Muster.
„Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“
Victor Klemperer, LTI
Benutzeravatar
Luna Rabenherz
Bestätigtes Mitglied
Beiträge: 217
Registriert: Donnerstag 28. September 2023, 19:22
Wohnort: Lübeck
Beziehungsstatus: Single
Gender:
Alter: 36

Re: Neuro…What?!

Beitrag von Luna Rabenherz »

Was ich mich frage: Ist das eine Superkraft, Strukturen und Kategorien OHNE Hierarchie erstellen zu können? Also, bildlich gesprochen, A, B und E in eine rote sowie C, D und F in eine gelbe Schublade einordnen zu können, ohne dass Rot besser bzw schlechter als Gelb sein muss?

Ich persönlich mag Klassifizierung, Kategorien, Strukturen. Die helfen mir die Welt zu begreifen, bieten Sicherheit... ohne sie wird die Welt zu chaotisch, wie die Ur-Brühe, aus der das Leben entstanden sein soll...

Wenn jemand mithilfe einer Klassifikation die Welt in "besser und schlechter" einteilen möchte, dann liegt es, mMn, nicht an der Klassifikation, sondern am inneren Bedürfnis danach. Man macht das ja "erfolgreich" anhand von Musikgeschmack, Wohnort, Lieblingsverein etc...

Für mich persönlich besteht der einzige "Makel" darin, dass die meisten Menschen (mich inklusive) nicht perfekt in eine oder mehrere "Schubladen" hineinpassen. Das finde ich irgendwie unbefriedigend.

@Evanahhan wow, gibt es WIRKLICH so viele Menschen mit Synästhesie?? Also ich habe das nicht und kenne niemanden, der erwähnt hätte, so etwas zu erleben. Habe aber eigentlich mit niemandem gezielt darüber gesprochen...
Wer auf Social Media aktiv ist, könnte spaßeshalber eine Umfrage erstellen. Wäre sehr spannend zu erfahren, wie verbreitet Synästhesie tatsächlich ist.
(Bin ehrlich gesagt ein bisschen neidisch:) )

Hinzugefügt nach 9 Minuten 10 Sekunden:
Die Frage jedoch, ob so etwas wie "typisch" oder "normal" überhaupt existiert, fände ich äußerst spannend.
Bin mir irgendwie nicht sicher. Aber ich tendiere eh dazu, überall "zu tief zu graben" und vage Formulierungen ohne klare Grenzen nur schwer verwenden zu können:)
🕸𝕰𝖘 𝖌𝖎𝖇𝖙 𝖐𝖊𝖎𝖓𝖊 𝕾𝖈𝖍𝖆𝖙𝖙𝖊𝖓 𝖎𝖓 𝖊𝖎𝖓𝖊𝖗 𝖂𝖊𝖑𝖙 𝖔𝖍𝖓𝖊 𝕷𝖎𝖈𝖍𝖙. (𝖈) 𝕾𝖙𝖎𝖑𝖑𝖘𝖙𝖊 𝕾𝖙𝖚𝖓𝖉🕸
Benutzeravatar
Evanahhan
Bestätigtes Mitglied
Beiträge: 771
Registriert: Donnerstag 24. Mai 2018, 07:09
Wohnort: Dresden
Gender:
Alter: 43

Re: Neuro…What?!

Beitrag von Evanahhan »

Luna Rabenherz hat geschrieben: Montag 19. Januar 2026, 18:21 @Evanahhan wow, gibt es WIRKLICH so viele Menschen mit Synästhesie?? Also ich habe das nicht und kenne niemanden, der erwähnt hätte, so etwas zu erleben.
Zur Häufigkeit gibt es unterschiedliche Aussagen. Früher wurde offenbar angenommen, dass das sehr selten ist, heute geht man von mindestens 4-5% aus, möglicherweise auch deutlich höher, weil den Menschen das gar nicht bewusst ist, dass sie ungewöhnliche Verknüpfungen in der Wahrnehmung haben. (Kann sich ja auch auf andere Sinneseindrücke beziehen.)
Meine Umfrage ist sicher nicht repräsentativ, denn wenn es genetisch ist, hab ich natürlich in der Familie eine Häufung. Und dann sucht man sich ja auch Freunde, die einem tendenziell eher ähnlich sind. Wer weiß mit welchen anderen Eigenschaften das korreliert.
„Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“
Victor Klemperer, LTI