Damit meine ich nicht die Debatte, ob Wissenschaft auch nur eine andere Art der Religion ist...diese Debatte ist meistens relativ fruchtlos, da sie zu sehr von vorgefertigten Meinungen geprägt it und erfahrungsgemäß jedes gute Argument dabei völlig verpufft. Denn die Auffassung, Wissenschaft sei auch nur ein anderer Glaube, ist für zu viele eben doch ebenfalls nur wiederum eine Art Ersatzglaube (oder auch umgekehrt). Von daher diesen Punkt hier bitte mal ausklammern. Ich möchte auf etwas anderes hinaus.
Ich möchte auf die Gewohnheit abheben, dass wir Religion und moderne Wissenschaft heute meistens als diametral entgegenstehende Gegner sehen. Jeder denkt automatisch an die Verfolgun Galileo Galileis, an die Kämpfe zwischen Kirche und Forschern in der frühen Aufklärung, an den Umstand, dass Darwin deshalb so viel Aufsehen erregte, weil er eine Theorie in die Welt setzte, die Gott nicht braucht. Selbst heute noch wird dieses alte Bild bestätigt durch die gegenseitige Ablehnung zwischen Wissenschaftlern (hier zu nennen z.B. Richard Dawkins) und Kreationisten und anderen Verschwörungstheoretikern (die zugegeben nicht alle religiös sind, aber die Übergänge sind fließend). Die Gegensätzlichkeit beider Sichtweisen auf die Welt ist so tief bei vielen verankert, dass darüber oft vergessen wird, dass z.B. der Vatikan mit Darwins Theorie der Evolution durch natürliche Auslese längst seinen Frieden gemacht hat.
Wer diesen Konflikt für veraltet hält blicke mal in die USA. Trump mag nicht religiös sein, aber er fördert die antiwissenschaftliche Geisteshaltung und bestärkt damit auch die religiös eingefärbten Vollpfosten.
Diese Erzählung stimmt zwar im Großen und Ganzen, ist aber doch so stark vereinfacht, dass ein in meinen Augen wichtiger und faszinierender Teil der Geschichte vergessen und selten thematisiert wird:
In der Anfangsphase der Aufklärung, bis ins 19. Jahrhundert hinein, waren Wissenschaft und Religion nicht so eindeutig getrennt, jedenfalls nicht personell!
Es ist viel mehr so, dass es den Aufstieg von Aufklärung und Wissenschaft ohne die Kirchen eben auch nicht gegeben hätte. Welch Ironie. Um das zu verstehen muss man sich mal bewusst machen, woher denn die am tiefsten verankerte Bildungstradition kam: Aus den Kirchen. Es waren ja schon im Mittelalter Klöster und Geistliche, die schreiben und lesen am meisten kultivierten und den Aufbau von Bibliotheken. Auch viele Universitäten in Europa wurden ursprünglich mit tatkräftiger kirchlicher Hilfe aufgebaut. Vom 17. bis 19. Jahrhundert war es häufig so, dass Naturforscher häufig zugleich Geistliche waren oder aber aus einer Familie von Geistlichen stammten. Interessanterweise verweist letzteres auf eine besonders starke Tradition diesbezüglich bei den Protestanten - einer der Gründe, warum z.B. England und Schweden frühe Hotspots naturwissenschaftlicher Forschung waren.
Ich möchte das an ein paar Personen beispielhaft belegen:
1. Carl Linnaeus (1707-1778), nach Erhebung in den Adelsstand Carl von Linné. Dieser Mann ist berühmt dafür, die zweiteilige Namensgebung für Pflanzen-und Tierarten entwickelt und ihr zum Durchbruch verholfen zu haben. In der Geschichte von Botanik und Zoologie ist er einer der ganz großen. Die 10.Auflage seines umfassenden Werkes "Systema Naturae" 1758 gilt als Anfangswerk für die offizielle Benennung von Tierarten (Ausnahme: Einige Spinnen). Schauen wir mal auf seine Biographie. Er wurde in Südschweden geboren als Kind eines Pfarrers. Und auch sein Großvater war Pfarrer. Familientradition. Linnaeus' Eltern schickte den Jungen zunächst auf die Schule, um ihn ebenfalls zum Geistlichen ausbilden zu lassen. Erst als sich zeigte, dass er in den dafür nötigen Fächern keine guten Leistungen brachte, sich aber offenbar viel besser in Mathematik und Naturwissenschaften machte. Dies gab den Ausschlag dafür, dass Linnaeus mit einem Medizinstudium begann - der Beginn seiner Wissenschaftskarriere, die ihn sogar zum Leibarzt des schwedischen Königs machte. Aber auch Linnaeus konnte nicht aus seiner Haut: Die von ihm entwickelte Systematik und Namensgebung für Pflanzen und Tiere sollte nicht einfach nur ein Werkzeug sein, um einen besseren Überblick für den Forscher zu schaffen. Linnaeus wollte damit zugleich auch eine göttliche Ordnung in der Vielfalt des Lebens (oder wie er es nannte: Der Schöpfung) aufdecken - es ging ihm also um einen Gottesbeweis. Der gelang ihm freilich nicht, aber er gab den Wissenschaftlern Handwerkszeug, dass sie bis heute nutzen.
2. William Buckland (1784-1856). Buckland machte seine erste Ausbildung am kirchlichen Corpus Christi College in Oxford. Nachdem er den Titel eines Reverend hatte, studierte er aber auch Geologie. Vor allem Fossilien interessierten ihn, er sammelte eifrig und beschrieb viele fossile Arten. Er war es auch, der den ersten Dinosaurier benannte - Megalosaurus (er hielt ihn einfach für eine große räuberische Echse). Da aber auch Buckland nicht aus seiner Haut konnte, interpretierte er alle geologischen und fossilen Befunde als Belege für die Sintflut. Erst später änderte sich das, als ihn der Schweizer Louis Agassiz (1807-1873) von seiner Vergletscherungstheorie als Grund für das Aussterben mancher Arten überzeugte. Agassiz war seinerseits ein bedeutender vielseitiger Naturforscher, der sich mit seinen Forschungen zur Eiszeit und als ichthyologe (Fischforscher) einen Namen machte. Und: Agassiz war Sohn eines Pastors.
3. Charles Darwin (1809-1882). Ha! Jetzt geht's los, Pirat dreht ab, mag mancher denken. Aber nein, nein. Auch Darwin hatte seine religiösen Berührungspunkte, nicht nur privat. Als Spross einer Familie von Naturforschern (sein Großvater Erasmus war bereits ein Naturforscher und sein Vater war Arzt) begann Darwin zwar zunächst ein Medizinstudium. Doch er tat sich schwer und brach schließlich ab. Sein Vater war es, der ihn darauf brachte, ein Theologiestudium in Cambridge anzufangen. Ausgerechnet dort konnte Darwin seine eigentlichen Interessen im Bereich von Botanik, Zoologie und Geologie vertiefen, als er dort auf Texte und Dozenten traf, die sich mit dem Bereich der "Naturtheologie" befassten. Diese wollte im Grunde die kirchlichen Glaubensgrundsätze mit den Wissenschaften aussöhnen, vereinfacht gesagt. In der Praxis erinnerten viele der naturtheologischen Thesen an heutigen Kreationismus. Darwin machte seinen Abschluss in Cambridge, verwarf den ursprünglichen Plan Pfarrer zu werden dann aber doch und schlug den Weg des Naturwissenschaftlers ein. Es ist eine Ironie, dass ausgerechnet er fast 20 Jahre nach seiner Zeit in Cambridge ein naturwissenschaftliches Konzept entwickelte, das ohne einen Gott auskommt. Darwin war sich dieser Ironie bewusst und es trieb ihn auch um, weil er selber ja ganz und gar nicht atheistisch geprägt war. Er bezeichnete das Gefühl bei der Arbeit an der Evolutionstheorie selber sinngemäß als eines, wie wenn man einen Mord gestehen würde.
4. Als viertes Beispiel möchte ich kurz noch Adam Sedgwick (1785-1873) erwähnen, einen britischen Geologen. Sedgwick leistete enorme Beiträge zur systematischen Erfassung und zum Verständnis der Gesteinsabfolgen in England und Europa. Er hatte unter anderem Anteil an der Benennung der Erdzeitalter des Devon und des Kambrium. Und auch Sedgwick hatte seine geistlichen Bezüge: Sein Vater war anglikanischer Vikar und 1834 übernahm er das Amt des Domherrn in Norwich. Dieses Amt übte Sedgwick ohne nennenswert erkennbare Interessenkonflikte parallel zu seinen universitären Ämtern aus - bis zu seinem Tode.
Diese Liste ließe sich fortführen. Man kann durchaus feststellen, dass für diese Männer, die alle die Fundamente für die heutigen Wissenschaftler legten, Religion und Wissenschaft nicht so zwingend im Konflikt zueinander sahen wie wir das heute tun. Die Entflechtung zwischen beidem vollzog sich eigentlich erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts endgültig - getriggert unter anderem durch die Debatte um Darwins "Origin of Species", aber auch durch die um 1800 herum gewonnene Erkenntnis des französischen Anatomen Georges Cuvier, das Arten aussterben können (etwas, was zum Beispiel Buckland als Konzept ablehnte, weil Gott so etwas seiner Schöpfung ja nicht antun würde). Cuvier übrigens ist dann ein bedeutender Naturforscher ohne sonderlich interessanten religiösen Hintergrund. Er genoss in Württemberg eine ganz und gar weltliche Ausbildung und hatte seinen Karrieredurchbruch in Paris in der Zeit von Revolution und Napoleon, als Religion dort relativ verpönt war.
Mit diesem Schlaglicht auf diese besondere Facette der Wissenschaftsgeschichte beschließe ich vorerst mein nächtliches Tagewerk.
