Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

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Graphiel
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Re: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

Beitrag von Graphiel »

Immersion hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 11:48 Vollständigkeit war auch nicht der Anspruch - aber dass Deine Ergänzungen sich in Summe im maximal 2stelligen Milliardenbereich bewegen, dürfte Dir klar sein. Mit Hinblick auf die Dimensionen ändert das praktisch nichts.
Je nachdem wie wohlwollend und mit welchen Zahlen gerechnet wird bin ich bei meinen Recherchen da durchaus auf unterschiedliche Zahlen gestoßen. Rein auf dem Papier würde ich also schon zugestehen dass ein BGE finanzierbar wäre.

Aber wie gesagt: Selbst WENN man von einer Finanzierbarkeit ausgeht und sogar noch einberechnen würde dass die Inflation nicht all zu groß steigen wird (was theoretisch denkbar ist. Siehe verschiedene Konjunkturpakete der Vergangenheit die auch nicht sofort zur massiven Steigerung der Inflation geführt haben), so wäre der Faktor des Abschöpfens und der damit verbundenen Verpuffung für mich immer noch ausschlaggebend genug um vorerst Abstand von der Idee des BGEs zu nehmen.
Immersion hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 11:48 DAS ist schon eine Sysiphosaufgabe - und bevor die nicht wenigstens weitgehend erfüllt ist und das Gesamtsystem auf andere Veränderungen vorbereitet (und da fehlt noch sehr viel mehr) und etwas mehr gehärtet ist, wäre es blanker Aktionismus.
Darauf läuft es unter dem bestehenden Umständen leider hinaus, ja.
Immersion hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 11:48 Ergänzung zu den Daumenschrauben: auch da stimme ich zu. Allerdings wird der Nutzen praktisch immer überschätzt - auch deshalb habe ich die Zahlen dazu herausgesucht. Da IST ein Potenzial. Vielleicht (!!) sogar ein knapp dreistelliges Milliardenpotenzial (aber daran glaube ich nicht). Aber auch diese Euros kann man eben nur EINmal ausgeben.
Kommt halt darauf an wo genau man die Daumenschrauben ansetzt. Bei Bereichen wie Erbschaft, Schenkung, oder Wegzugsteuer wären die Einnahmen einmalig, Änderungen wie z.B. bei der Kapitalertragssteuer wären dagegen regelmäßig wirksam. Es wäre aber definitiv eine Aufgabe die als Gesamtpaket erfolgen müsste. Hier und da Einzelsteuern zu erhöhen, während der Rest unangetastet bleibt oder Steuerschlupflöcher gar nicht erst geschlossen werden, würde da nicht viel bis gar nichts bewirken. Dafür - und da gebe ich dir durchaus Recht - ist das System viel zu flexibel.
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Phönix75
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Re: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

Beitrag von Phönix75 »

Graphiel hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 11:09
Bevor wir uns wieder an Utopien wie einem BGE heranwagen würde ich inzwischen daher lieber die Energie darauf setzen erst einmal Steuerschlupflöcher konsequent zu schließen und die Daumenschrauben in den obersten Reihen anzuziehen.

Da hast du vollkommen recht. Ich würde sogar behaupten, dass genügend Geld da ist, wenn man verantwortungsbewusst und umsichtig damit umgehen würde. Jetzt soll das Sozialsystem wieder gestrafft werden, um an dieser Stelle minimale Einsparungen zu erzielen... aber das war immer das Vorhaben der CDU, die eher damit die mickrige FDP-Klientel bedient. Wenn man nicht mit den Steuergeldern in der ganzen Welt so verschwenderisch umgehen würde, um damit zu zeigen, dass Deutschland mit ihrem (einstigen) Wohlstand den Gönner und Helfer mimt, um dann selbst an Wohlstand einzubüßen, wäre schon mal viel getan. Und wenn man dann den ganzen "Sozialstaat" gerechter aufstellen würde (alle zahlen in die Rente ein usw.) würde, könnte das sogar Vertrauen in viele Bevölkerungsschichten wieder herstellen. Und wenn man dann noch die Reichen, also die oberen 10000, nicht pampern und mit Samthandschuhe anfassen würde, sondern ihren gerechten Teil zum Steueraufkommen beitragen würden, dann hätte man sicher einen großen Teil des sozialen Friedens wieder hergestellt. Aber wenn ein Reicher mit 1 Million Euro Einnahmen/Gewinn im Jahr, keine Steuern darauf zahlen muss, weil das System soviele Schlupflöcher (bewußt) einbaut, dann halte ich das System für krank und gehört von Grund auf reformiert. Denn dieser Reiche sagt sogar selbst, dass er gern Steuern zahlen würde, aber sein Steuerberater einfach nur seine Arbeit macht, dann gibt es eine massive Schieflage. Ergo, sind noch gar keine Daumenschrauben angelegt, die es überhaupt anzuziehen gilt.
Nur wie will man das bewerkstelligen, wenn "Politiker" selbst aus dem Klientel kommen oder sich durch den ein oder anderen gefüllten Köfferchen (genannt Lobbyismus) kaufen lassen, um alles so zu lassen wie es ist oder es noch zugunsten der Klientel zu verschärfen? Verschärfen ist in dem Zusammenhang sicher das falsche Wort. ;)

Erst wenn sich da etwas ändert, wäre u.U. ein BGE finanzierbar. Aber vielleicht bräuchte es das dann auch garnicht (mehr).
Nichts ist so, wie es scheint.
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Immersion
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Re: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

Beitrag von Immersion »

Graphiel hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 12:26 Kommt halt darauf an wo genau man die Daumenschrauben ansetzt. Bei Bereichen wie Erbschaft, Schenkung, oder Wegzugsteuer wären die Einnahmen einmalig, Änderungen wie z.B. bei der Kapitalertragssteuer wären dagegen regelmäßig wirksam. Es wäre aber definitiv eine Aufgabe die als Gesamtpaket erfolgen müsste. Hier und da Einzelsteuern zu erhöhen, während der Rest unangetastet bleibt oder Steuerschlupflöcher gar nicht erst geschlossen werden, würde da nicht viel bis gar nichts bewirken. Dafür - und da gebe ich dir durchaus Recht - ist das System viel zu flexibel.
Bei Erbschaften hatte ich ein Potenzial aufgeführt. Ja, einmalig - aber trotzdem wiederkehrend, weil jedes Jahr etwas vererbt wird. Es schwankt vielleicht stärker als die Kapitalertragssteuer - aber auch nur auf den ersten Blick, denn auch die schwankt mit u.a. der Börsenentwicklung.

Es wird aber durch einen Faktor noch sehr viel schlimmer - und das sind internationale Besteuerungsabkommen. Letztendlich sind die es (und internationale Mobilität des Kapitals), die den Bereich der Unternehmensbesteuerung und der Kapitalertragssteuer (Wechselwirkung) praktisch unlösbar machen.
Es gibt da einen theoretischen Ausweg, den zwei Länder, mit denen ich beklagenswerterweise viel zu viel zu tun habe, gegangen sind. Brasilien und China.
Diese Möglichkeit der Abschottung - oder eher: Kapitalflusskontrolle - existiert für uns aber effektiv nicht.
Dagegen wäre der Brexit ein Kindergeburtstag und Deutschlands Exportabhängigkeit bei in Relation viel zu kleinem Binnenmarkt wird da auf Jahrzehnte zum unüberwindbaren Hindernis.
Dieses Thema kann Deutschland auf nationaler Ebene nicht lösen.

@Phönix75 schau mal in die Zahlen auf Seite 1
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Graphiel
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Re: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

Beitrag von Graphiel »

Phönix75 hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 13:08 Da hast du vollkommen recht. Ich würde sogar behaupten, dass genügend Geld da ist, wenn man verantwortungsbewusst und umsichtig damit umgehen würde. Jetzt soll das Sozialsystem wieder gestrafft werden, um an dieser Stelle minimale Einsparungen zu erzielen... aber das war immer das Vorhaben der CDU, die eher damit die mickrige FDP-Klientel bedient.


Das wird beim Bürgergeld noch richtig witzig werden, wenn der Anti-Sozialstaat brüllende Blödbürger erst einmal merkt dass die versprochenen Einsparungen gar nicht kommen, dafür aber der Druck auf ihn steigen wird. In reinster Realsatire hat sich selbst CDU Generalsekretär Carsten Linnemann von Merz´s Versprechen "Mehrere Milliarden Einsparungen" zu "Wie viel genau gespart wird kann niemand voraussagen." (Interview Deutschlandfunk) und "Aber ich rechne damit dass die Menschen das Sozialsystem wieder als gerecht empfinden werden." (Selbes Interview, ein Satz später) herunter argumentiert. Flankiert wird diese Pointe aus den Ministerien von CDU und SPD, die jetzt schon davon ausgehen dass die Veränderungen in der Grundsicherungen nach einem kurzen Abflachen von rund 86 Millionen Euro Einsparungen sogar noch 11 Millionen € Mehrkosten verursachen werden. Kritiker aus den linken Reihen werfen CDU und SPD inzwischen vor, dass es neben den Fühlis der brüllenden Blödbürger bei den Reformen mehrheitlich darum gehen wird der Arbeiterschaft einen Warnschuss vor den Latz zu knallen: "Halt die Füße still (Forderungen nach Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzungen, etc.) sonst landest du auch bald da unten."

@Immersion
Bei Erbschaften hatte ich ein Potenzial aufgeführt. Ja, einmalig - aber trotzdem wiederkehrend, weil jedes Jahr etwas vererbt wird.
Ok, dann haben wir da lediglich aneinander vorbei geredet, bzw. habe ich dich falsch verstanden.

Ansonsten: Man muss nicht gleich zu der von dir skizzierten Holzhammermethode aus China und Brasilien greifen, auch wenn das in der Theorie natürlich auch eine Option wäre - Wenn auch nicht zwingend eine Schöne. ;)

Internationale Steuerabkommen begrenzen Spielräume, sie beseitigen sie aber nicht. Deutschland kann bereits heute Quellensteuern, Wegzugsbesteuerung, Mindestbesteuerung, Marktzugangsregeln und Anti-Missbrauchsnormen einsetzen oder verschärfen. Dass diese Instrumente nur zögerlich genutzt werden, ist eine da schon eine politische Entscheidung – keine ökonomische Zwangslage. Exportabhängigkeit bedeutet eben Interdependenz, nicht Handlungsunfähigkeit.
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Evanahhan
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Re: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

Beitrag von Evanahhan »

Ich habe von VWL ja nicht viel Ahnung, deswegen frage ich mal nach, wie ihr das einschätzt:
Ein Problem, das immer wieder thematisiert wird, ist die Ungerechtigkeit, dass Einkommen aus Kapital niedriger besteuert wird als Einkommen aus Arbeit (ab einem gewissen Level) und somit die arbeitende Mittelschicht prozentual höhere Lasten trägt als jemand, der nicht arbeiten muss und allein von seinen Kapitalerträgen leben kann.
Wäre es da nicht sinnvoll, Kapitalerträge einfach als Teil des Einkommens zu betrachten und beides zusammenzurechnen und zu versteuern? Freilich mit Anpassung der Freibeträge, damit der Kleinsparer noch was davon hat und Altersvorsorge bzw. (ggf. gedeckelter) Inflationsausgleich für Otto-Normalverbraucher möglich ist? Oder bringt das andere unabsehbare Auswirkungen mit sich?
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Immersion
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Re: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

Beitrag von Immersion »

Graphiel hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 14:11 Ansonsten: Man muss nicht gleich zu der von dir skizzierten Holzhammermethode aus China und Brasilien greifen, auch wenn das in der Theorie natürlich auch eine Option wäre - Wenn auch nicht zwingend eine Schöne. ;)
Das war auch kein Vorschlag ;)
Internationale Steuerabkommen begrenzen Spielräume, sie beseitigen sie aber nicht. Deutschland kann bereits heute Quellensteuern, Wegzugsbesteuerung, Mindestbesteuerung, Marktzugangsregeln und Anti-Missbrauchsnormen einsetzen oder verschärfen. Dass diese Instrumente nur zögerlich genutzt werden, ist eine da schon eine politische Entscheidung – keine ökonomische Zwangslage. Exportabhängigkeit bedeutet eben Interdependenz, nicht Handlungsunfähigkeit.
Trapped Tax und Withholding Tax - in Deiner Liste enthalten - sind neben weiteren von Dir genannten eben die Mechanismen, die mir z.B. mit Brasilien und China in der Praxis so viel Freude bereiten.

Die politischen Systeme, wirtschaftlichen Besonderheiten und Spielräume bei diesen Werkzeugen sind eng miteinander verwoben und nicht frei übertragbar.

Übersieh beim „geht nicht“ bitte nicht den von mir ergänzten Zeithorizont

Hinzugefügt nach 14 Minuten 36 Sekunden:
Evanahhan hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 14:32 Ich habe von VWL ja nicht viel Ahnung, deswegen frage ich mal nach, wie ihr das einschätzt:
Ein Problem, das immer wieder thematisiert wird, ist die Ungerechtigkeit, dass Einkommen aus Kapital niedriger besteuert wird als Einkommen aus Arbeit (ab einem gewissen Level) und somit die arbeitende Mittelschicht prozentual höhere Lasten trägt als jemand, der nicht arbeiten muss und allein von seinen Kapitalerträgen leben kann.
Wäre es da nicht sinnvoll, Kapitalerträge einfach als Teil des Einkommens zu betrachten und beides zusammenzurechnen und zu versteuern? Freilich mit Anpassung der Freibeträge, damit der Kleinsparer noch was davon hat und Altersvorsorge bzw. (ggf. gedeckelter) Inflationsausgleich für Otto-Normalverbraucher möglich ist? Oder bringt das andere unabsehbare Auswirkungen mit sich?
Das ist weniger eine Frage der VWL - sondern eher des internationalen Steuerrechts und der entsprechenden Abkommen.
Das Problem dabei ist die Doppelbesteuerung.
Im Wesentlichen reden wir hier von Dividenden. Zinsen kannst Du praktisch vernachlässigen und Veräußerungsgewinne… lassen wir der Einfachheit halber mal.

Dividenden sind ausgeschüttete Gewinne - Nach Abzug der Unternehmenssteuern.
Die können aber an verschiedene Adressaten gehen.
Privatanleger. An die denkst Du.
Beteiligungsgesellschaften im Inland - bei denen sind das ebenfalls zu versteuernde Gewinne und beeinflussen deren Unternehmenssteuern.
Anleger welcher Art auch immer im Ausland. Und DA kommt noch ein Problem.

Dieser Zahlungsfluss ist Gegenstand der internationalen Abkommen - und da noch mal zuzulangen bricht diese Abkommen.
Es sei denn, man erhöht die Unternehmenssteuern. Dann belastet man aber auch wieder an einer Stelle, die man nicht wollte (Summe aus Unternehmenssteuern und Kapitalertragssteuer liegt übrigens bei etwa 40% (EDIT: 48,3%) - das wird bei der Splittung immer übersehen!).
Also könnte man im Gegenzug die Kapitalertragssteuer senken - jetzt werden plötzlich Zinsgewinne noch sehr viel niedriger als Dividenden besteuert.
Also müsste man die Besteuerung zwischen verschiedenen Kapitalertragsformen wieder stark differenzieren - das gab es schon mal.
Dafür wird der Gesetzgeber von den Wählern, deren Steuererklärung (wieder) zum Albtraum wird, gekreuzigt.

Wenn Du es über die Einkommensteuer regelst, hast Du da dann eine Besteuerung der Unternehmensgewinne von bis zu rund 60% statt bisher 40%… gegenüber anderen Empfängern (im Ausland), die 15% plus der lokalen Steuern (sofern die anfallen).
Dann ergibt sich noch eine GANZ andere Gerechtigkeitsdebatte - mal ganz abgesehen davon, dass etliche Depots ins Ausland wandern
Zuletzt geändert von Immersion am Dienstag 13. Januar 2026, 06:40, insgesamt 1-mal geändert.
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Graphiel
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Re: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

Beitrag von Graphiel »

Evanahhan hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 14:32 Ich habe von VWL ja nicht viel Ahnung, deswegen frage ich mal nach, wie ihr das einschätzt:
Ein Problem, das immer wieder thematisiert wird, ist die Ungerechtigkeit, dass Einkommen aus Kapital niedriger besteuert wird als Einkommen aus Arbeit (ab einem gewissen Level) und somit die arbeitende Mittelschicht prozentual höhere Lasten trägt als jemand, der nicht arbeiten muss und allein von seinen Kapitalerträgen leben kann.
Wäre es da nicht sinnvoll, Kapitalerträge einfach als Teil des Einkommens zu betrachten und beides zusammenzurechnen und zu versteuern? Freilich mit Anpassung der Freibeträge, damit der Kleinsparer noch was davon hat und Altersvorsorge bzw. (ggf. gedeckelter) Inflationsausgleich für Otto-Normalverbraucher möglich ist? Oder bringt das andere unabsehbare Auswirkungen mit sich?
Das wird von einigen Ökonomen sogar als Vorschlag zur Reformierung gebracht. Soweit ich weiß war das bis 2009 sogar noch der Fall, wurde dann aber durch die Abgeltungssteuer ergänzt. Unter anderem mal wieder unter dem Dauer-Argument der Kapitalflucht. Im Kern hat es aber am ehesten dazu geführt das hohe Kapitalerträge entlastet wurden, während Investitionen in die Realwirtschaft kaum Veränderungen mit sich brachten. Wichtig wäre bei einer erneuten Reformierung wie du schon richtig anmerkst dass die Freibeträge entsprechend gestaltet werden.

Das Problem sind neben einen etwas erhöhtem Verwaltungsaufwand hier wieder einmal mehr dass die entgegen stehenden Interessengruppen sehr gut vernetzt sind und ihre politischen Einflüsse fleißig nutzen würden um das zu verhindern. Auch die Presselandschaft (allen voran Schmierblätter wie die Bild) sind immer ganz vorne mit dabei wenn es darum geht Änderungen die ihren eigenen Interessen im Weg stehen so zu framen, dass der Bürger glaubt es ginge ihm an seine Kleinstbeträge. Stichwort: Sparersteuer und ähnlich eingefärbte Medienkampagnen. :roll:

Edit:
@Immersion
Trapped Tax und Withholding Tax - in Deiner Liste enthalten - sind neben weiteren von Dir genannten eben die Mechanismen, die mir z.B. mit Brasilien und China in der Praxis so viel Freude bereiten.
Na wenn sie dir so viel Freude bereiten, dann spricht das ja eigentlich mehr für als gegen diese Mechanismen :lol:

Das mit der doppelten Besteuerung halte ich übrigens auch für keine wirklich große Hürde, denn die haben wir an unterschiedlichen Stellen ohnehin schon. Ja, die Probleme sind real – aber sie sind Gestaltungsprobleme, keine Sachzwänge. Die heutige Abgeltungsteuer ist eine politische Vereinfachung zugunsten hoher Kapitalerträge, nicht die einzig mögliche Lösung.
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Immersion
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Re: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

Beitrag von Immersion »

Graphiel hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 15:22 Soweit ich weiß war das bis 2009 sogar noch der Fall, wurde dann aber durch die Abgeltungssteuer ergänzt. Unter anderem mal wieder unter dem Dauer-Argument der Kapitalflucht. Im Kern hat es aber am ehesten dazu geführt das hohe Kapitalerträge entlastet wurden, während Investitionen in die Realwirtschaft kaum Veränderungen mit sich brachten.
Das mit der Kapitalflucht war keine Befürchtung, sondern aufgrund der sinkenden Besteuerung insbesondere in der Schweiz und Luxemburg (was in dieser Zeit dadurch seinen Status als Sitz etlicher Fonds erreicht hat) die Realität. Eine Entwicklung, die dadurch gebremst und schließlich gestoppt wurde. Die Konsequenz war ein spürbarer Rückgang der Steuereinnahmen.
Dass ein Argument häufig angeführt wird, bedeutet nicht, dass es falsch oder vorgeschoben ist.
Das ist hingegen ist allerdings eine Vorstellung, die sich hartnäckig dort hält, wo die Zahlen zu unbequem werden.
Die Schätzungen zum Abfluss sind etwas ungenau. Keinesfalls weniger als 300 Milliarden, bis zu 500 Mrd.
Der steuerliche Schaden wird bis heute auf insgesamt etwa 100 Mrd geschätzt.

Na wenn sie dir so viel Freude bereiten, dann spricht das ja eigentlich mehr für als gegen diese Mechanismen :lol:
Wie nett. Ich teile gerne. Ich verrate Dir aber vorsichtshalber nicht, wo die nächstgelegene Autobahnbrücke steht.
Das mit der doppelten Besteuerung halte ich übrigens auch für keine wirklich große Hürde, denn die haben wir an unterschiedlichen Stellen ohnehin schon. Ja, die Probleme sind real – aber sie sind Gestaltungsprobleme, keine Sachzwänge. Die heutige Abgeltungsteuer ist eine politische Vereinfachung zugunsten hoher Kapitalerträge, nicht die einzig mögliche Lösung.
Nein, nicht die einzige Möglichkeit - aber ein Kompromiss, der unter Berücksichtigung aller Mechanismen und dem Druck zur Vereinfachung die höchsten Steuereinnahmen für den Staat bedeutet.

„zugunsten hoher Kapitalerträge“ ist bei bis zu 60% Steuerlast darauf schon ziemlich zynisch - und trägt der Komplexität der Einbettung in die verschiedenen Besteuerungsmechanismen nicht Rechnung.
Hier wird im Wesentlichen immer das Argument, wer Steuern abführt, in den Vordergrund gestellt und zur Gerechtigkeitsfrage erhoben. Das ist aber eigentlich die untergeordnete Frage, wenn es darum geht, dass der Staat die höchstmöglichen Steuern einnimmt.

interessant finde ich da einerseits Deinen Wunsch, an anderer Stelle Bürokratie abzubauen - sie hier aber direkt wieder aufzubauen.
Zuletzt geändert von Immersion am Montag 12. Januar 2026, 19:59, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

Beitrag von Graphiel »

Immersion hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 16:48 Das mit der Kapitalflucht war keine Befürchtung, sondern aufgrund der sinkenden Besteuerung insbesondere in der Schweiz und Luxemburg (was in dieser Zeit dadurch seinen Status als Sitz etlicher Fonds erreicht hat) die Realität. Eine Entwicklung, die dadurch gebremst und schließlich gestoppt wurde. Die Konsequenz war ein spürbarer Rückgang der Steuereinnahmen.
Dass ein Argument häufig angeführt wird, bedeutet nicht, dass es falsch oder vorgeschoben ist.
Das ist hingegen ist allerdings eine Vorstellung, die sich hartnäckig dort hält, wo die Zahlen zu unbequem werden.
Die Schätzungen zum Abfluss sind etwas ungenau. Keinesfalls weniger als 300 Milliarden, bis zu 500 Mrd.
Der steuerliche Schaden wird bis heute auf insgesamt etwa 100 Mrd geschätzt.
Das ist jetzt nicht dein Ernst oder? In den 1990ern und frühen 2000ern gab es erhebliche Vermögensverlagerungen nach Luxemburg und in die Schweiz – das ist soweit korrekt. Entscheidend ist aber die Ursache: Es ging dabei überwiegend um unversteuertes Vermögen, Bankgeheimnis-Strukturen und steuerliche Arbitrage, nicht um legale Reaktionen auf zu hohe Steuersätze. Genau deshalb wurden diese Praktiken auch nicht durch Steuersenkungen beendet, sondern durch Transparenzmaßnahmen wie den Ankauf von Steuer-CDs, Selbstanzeigen und später den automatischen Informationsaustausch. Das spricht eher dafür, dass Regulierung wirkt – nicht dagegen.
Immersion hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 16:48 Wie nett. Ich teile gerne. Ich verrate Dir aber vorsichtshalber nicht, wo die nächstgelegene Autobahnbrücke steht.
Was denn? Hast du etwa Herrn Münteferings berühmtes Zitat "Sozial ist, was Arbeit schafft" vergessen? Damit machst du dann doch was total soziales. :lol:
Immersion hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 16:48 „zugunsten hoher Kapitalerträge“ ist bei bis zu 60% Steuerlast darauf schon ziemlich zynisch - und trägt der Komplexität der Einbettung in die verschiedenen Besteuerungsmechanismen nicht Rechnung.
Hier wird im Wesentlichen immer das Argument, wer Steuern abführt, in den Vordergrund gestellt und zur Gerechtigkeitsfrage erhoben. Das ist aber eigentlich die untergeordnete Frage, wenn es darum geht, dass der Staat die höchstmöglichen Steuern einnimmt.
Buhuhuhuuu, ich weine mit dir. Die armen, armen DAX-Kapitalisten müssen bald alle Flaschen sammeln gehen weil sie so hoch besteuert werden. Was für eine gemeine Welt :lol: Die erwähnten 60 % Steuerlast sind in der Realität die absolute Ausnahme und betreffen meist nur spezifische Konstellationen bei der Gewinnausschüttung. Im Durchschnitt liegt die effektive Steuerbelastung von Kapitalgesellschaften und deren Eignern durch Privilegien wie das Teileinkunftsverfahren oder Holding-Strukturen oft deutlich unter der Belastung von Lohneinkommen. Das Argument der ‚Einnahmenmaximierung‘ für den Staat greift zudem zu kurz, wenn gleichzeitig durch Steuergestaltung die Bemessungsgrundlage massiv verkleinert wird. Kapitalerträge werden in Deutschland für gewöhnlich weiterhin mit der Abgeltungsteuer von ca. 25 % (plus Soli/Kirchensteuer) belegt, während ein Arbeitnehmer den Spitzensteuersatz (ca. 42 %) bereits bei einem Einkommen, das weit unter den Summen liegt, die im Kapitalbereich üblich sind. Selbst wenn wir nur mal für Spaß die Abgeltungsteuer auf 50 % oder mehr anheben würden, bliebe das Netto-Einkommen aus großen Kapitalvermögen weit über dem, was ein Facharbeiter in seinem ganzen Leben durch Lohnarbeit erreichen kann. Wenn das Ziel die Maximierung der Staatseinnahmen ist, ist es paradox, ausgerechnet die ertragreichste Quelle – das Kapital – pauschal geringer zu besteuern als die Arbeitskraft der breiten Masse.
Immersion hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 16:48 interessant finde ich da einerseits Deinen Wunsch, an anderer Stelle Bürokratie abzubauen - sie hier aber direkt wieder aufzubauen.
Wo habe ich denn geschrieben, dass ich mir pauschal Bürokratieabbau wünsche? Verwechselst du mich da?
"Sowas kann doch nur Leuten einfallen, die in Assoziationsspielchen neben Hund, Katze und Maus auf "Hmm.... Schwingschleifer!" kommen, oder?" - Barlow
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Re: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

Beitrag von Immersion »

Graphiel hat geschrieben: Montag 12. Januar 2026, 17:47
Das ist jetzt nicht dein Ernst oder? In den 1990ern und frühen 2000ern gab es erhebliche Vermögensverlagerungen nach Luxemburg und in die Schweiz – das ist soweit korrekt. Entscheidend ist aber die Ursache: Es ging dabei überwiegend um unversteuertes Vermögen, Bankgeheimnis-Strukturen und steuerliche Arbitrage, nicht um legale Reaktionen auf zu hohe Steuersätze.
… Das spricht eher dafür, dass Regulierung wirkt – nicht dagegen.
Die Zuordnung der Gesamtsumme zu Einzelursachen ist tatsächlich nicht möglich - aber die Behauptung, alles läge an einer Ursache ist ebensowenig haltbar wie das Gegenteil. Und das mit der Regulierung ist ein Strohmann.
Was denn? Hast du etwa Herrn Münteferings berühmtes Zitat "Sozial ist, was Arbeit schafft" vergessen? Damit machst du dann doch was total soziales. :lol:
Das magst Du lustig finden - aber eben der Gedanke dahinter ist einer der Hauptgründe, aus denen ich meinen Job mache.
Was etliche Kollegen aus anderen Teams nicht davon abhält ständig zu versichern, sich eher im Treppenhaus zu erhängen als diesen Job zu machen. Dass ich mit der Komplexität gut zurecht komme und es alles in allem MIR sogar Spaß macht, heißt aber noch lange nicht, dass ich auf die Nachtschichten aufgrund solcher Protektionismusexzesse nicht sehr gut verzichten kann.
…Kapitalerträge werden in Deutschland für gewöhnlich weiterhin mit der Abgeltungsteuer von ca. 25 % (plus Soli/Kirchensteuer) belegt, während ein Arbeitnehmer den Spitzensteuersatz (ca. 42 %) bereits bei einem Einkommen, das weit unter den Summen liegt, die im Kapitalbereich üblich sind.
Ich vermute, das Bild, das ich mit diesem Abschnitt von Dir habe, ist ganz sicher GANZ anders als das, welches Du damit eigentlich vermitteln wolltest.
Wenn dieser unwürdige Anfall vorüber ist, lies gerne weiter.

Ich habe bereits erklärt, dass die 25% (plus Soli) nur der für Anleger sichtbare Teil ist und dass die effektive Belastung deutlich höher ist. Du hast eine bewusst selektive Sicht, bei der ausgeblendet wird, dass der Unternehmensgewinn in zwei Stufen besteuert wird. Ich gehe davon aus, dass Du Dir Deines Fehlers bewusst bist, aber trotzdem am populären, bequem unvollständigen Bild festhältst, weil es Dir dienlich ist.

Ersetze einen Aktionär durch einen Gesellschafter einer GbR - und der Gewinn wird nicht gesplittet, sondern in einem Betrag versteuert. Damit hast Du dasselbe Besteuerungsobjekt.
Erklär mir, warum Unternehmensgewinne abhängig von der Rechtsform massiv unterschiedlich besteuert werden sollten.
Der Gesellschafter triggert Dich auch? Dann nimm den „selbstständigen“ Paketboten als Extrembeispiel - oder irgend etwas dazwischen. Nimm eine Friseurin.
Gewinnausschüttung an die Inhaber.
Rechtsformneutralität ist ein fundamentaler Grundsatz zum Schutz vor Wettbewerbsverzerrung

Nur auf die Dividende zu schauen ist unehrlich. Addiere die Gewinnsteuern drauf, und es stimmt wieder - dann sind es eben keine 25% +5,5% sondern in Summe … nein, keine 60% …Richtiger wären 48,3%

Deine komplette Argumentation läuft ins Leere. Komplett.
48,3% liegt WEIT über der Besteuerung von 90% der Arbeitnehmer.

Die Steuern auf Dividenden sind eine Hilfsgröße, um die Besteuerung der Zahlungsströme in In- und Ausland sowie zwischen Unternehmen trennen zu können.
Wo habe ich denn geschrieben, dass ich mir pauschal Bürokratieabbau wünsche? Verwechselst du mich da?
Nicht pauschal. Aber im Kontext der Verwaltungskosten für Sozialausgaben war das für Dich noch ein erhebliches Einsparpotenzial.

Das hier nimmt schon wieder extreme Ausmaße an.